Es war einmal... So beginnt zwar jedes Märchen, aber genauso könnte auch unsere wahre Geschichte von Mönchi beginnen. Also, es war einmal ein Hirte in Mönchalp, und dies nicht vor langer Zeit, sondern im Sommer  2004. Eines Tages - das Wetter war kalt und nass - brachte einer seiner zwei bellenden Vierbeiner stolz eine Beute, sanft im Fang tragend und legte sie gehorsam vor sein Herrchen. Dieser bemerkte rasch, dass es sich um ein armes Geschöpf mit Lebenszeichen und nicht etwa um ein erlegtes Tier handelte, wie man vermuten könnte. Während wohl manch einer bei der Frage nach der Tierart ins Grübeln gekommen wäre, war sich der erfahrene Hirte mit einem grossen Herzen für Tiere sicher: Es war ein Murmeltier, das vermutlich wegen seiner geringen Ueberlebenschancen vom Bau ausgestossen wurde.

Wenig später war der Hirte mit dem Murmeltier bei uns in der Praxis. Mit geschlossenen Augenlidern, total unterkühlt und einer kaum sichtbaren Atmung lag "Mönchi" mit seinen knapp 600 Gramm vor mir. Einen Anblick, den ich so schnell nicht wieder vergessen werde. "Was nun?" fragte ich mich. "Infusionen unter die Haut, Wärme und sobald er schlucken kann ein wenig Babymilch über eine Pipette. Das müsste es sein, was ich für ihn tun kann, mehr nicht," dachte ich mir. Tatsächlich, am zweiten Tag bereits begann der kleine Mungg zuerst an der Pipette, später dann an einer kleinen Schoppenflasche zu trinken - und wie! Das Geschmatze wurde stets lauter und war rasch einmal jenseits aller Anstandsregeln. Wir amüsierten uns köstlich. Schliesslich hatten wir den kleinen Frechdachs mit dem grossen Selbstbewusstsein bald in unser Herz geschlossen. Da nahm man - was heisst hier eigentlich man, genauer gesagt war es nämlich immer meine Frau - das "Schöppela" rund um die Uhr, dh. auch zweimal nachts gerne in Kauf.

Unsere erst drei Wochen alten Kätzli schauten etwas gar verwundert, als wir Mönchi zu ihnen ins Nest legten. Nicht weniger die Katzenmutter. Trotzdem akzeptierte sie ihr Adoptivkind ohne Probleme. Sie pflegte es, als wäre es ihr Eigenes. Die Katzenkinder schienen den neuen Spielkameraden zu geniessen, auch wenn das borstige Haarkleid manchmal nicht sehr angenehm war. Andererseits kuschelte sich Mönchi an die flauschig-zarten Bettnachbarn. Der kleine Fratz entwickelte sich prächtig. Die Gewichtszunahmen waren fast von Tag zu Tag sichtbar, was für ein Murmeltier wegen des langen Winterschlafes natürlich überlebenswichtig ist. So hatte sich mittlerweile nicht nur seine Speisekarte um ein Vielfaches erweitert, auch sein Lebensraum beschränkte sich längst nicht mehr nur auf unsere Wohnung-stube. Küche, Schlafzimmer und vor allem die nähere Umgebung ausserhalb des Hauses gehörten genauso dazu. Es erstaunte deshalb wenig, dass er einmal den Kaninchen oder fast mehr noch dem Kaninchenfutter der Nachbarn einen Besuch abstattete. Wir mussten ihn aber nie suchen, denn Mönchi kannte sein Zuhause und dorthin kehrte er auch regelmässig zurück.

Ganz aufgebracht stand eines Tages eine entfernter gelegene Nachbarin vor unserer Haustür und erzählte fast ausser Atem, in ihrem Garten sei ein Tier, so eines habe sie noch nie gesehen, und sie hätte auch sonst keine Ahnung,  was es sein könnte, und... und es hätte nicht einmal Angst vor ihr, ja und vor allem, ob ich als Tierarzt nicht einen guten Rat wüsste. Ich konnte mein Schmunzeln längst nicht mehr verbergen und gab zur Antwort:  " Das ist Mönchi,  der kommt schon wieder heim." Damit erzielte ich wahrhaftig noch nicht den alles klärenden Blick in ihrem Gesicht. Dazu brauchte es noch zwei, drei Sätze mehr.

Das nächtliche Lager hatte Mönchi mittlerweile auch in unser Schlafzimmer verlegt. Dort schlief er Rücken an Rücken mit unserer Hündin Shania im Hundekorb seinen göttlichen Schlaf. Er träumte auch. Manchmal sogar sehr laut. Eines Morgens war es meine Absicht sehr früh aufzustehen, um mein Ziel auf einer Alp im Dischma noch vor der Strassensperrung um 6.30 Uhr zu erreichen. Und wie das manchmal eben so vorkommen kann, hatte ich den Wecker im Schlaf abgestellt. Aber Mönchi träumte wieder - und wie. Ein schriller Pfiff, mit dem das Murmeli im Traum wohl seine Artgenossen vor einer Gefahr gewarnt hatte, riss mich ziemlich unsanft, aber noch rechtzeitig aus dem Schlaf. Tatsächlich, während ich vor Schreck im Bett stand, zeigte Mönchi genüsslich und vergnügt auf dem Rücken liegend wie gewohnt seine Zähne.

Während die fünf Kätzli ihr neues Zuhause gefunden bzw. bezogen hatten, machten wir uns ungern Gedanken über Mönchis Zukunft. Zuerst aber hatten wir beschlossen unser neues Familienmitglied während der Ferienwoche in die Fideriser Heuberge mitzunehmen. Der Transport in einer  Katzenkiste bereitete Mönchi keine Sorgen. Angekommen bei unserer Hütte, die bezüglich Komfort und Aussehen durchaus für die Verfilmung eines Heidifilmes ihren Dienst leisten könnte, schien Mönchi sich auf Anhieb wohl zu fühlen. Die Bergwelt auf knapp 2000 Metern ü.M. trug da bestimmt das ihre dazu bei. Etwas Sorge bereiteten uns die möglichen natürlichen Gefahren wie z.B. ein Adler, sollte sich unser Mönchi zu weit von unserer Hütte entfernt haben. Der kleine Mungg spielte liebend gerne mit unseren Hunden, die wir als Wächter vor Gefahren gerne gewähren liessen. In Sachen Angriffslust stand der "Kleine" den "Grossen" gar nichts nach.

Eines Abends waren wir bei Freunden eingeladen. Die Hunde nahmen wir mit, aber "Mönchi" musste Zuhause bleiben. Das war besser so, waren wir der festen Ueberzeugung. Mit den Sätzen, da könne ja nichts passieren und es würde bestimmt auch niemand ihm etwas antun, überspielten wir abwechslungsweise unser Unbehagen. So gingen wir also noch bevor die Sonne sich neigte. Nach einem sehr gemütlichen Abend, kehrten wir erst wieder zurück, als der Mond schon sehr hoch am Himmel stand. Je mehr wir uns der Hütte näherten, desto höher stieg der Puls. " War er noch da? - Ja, natürlich, was hätte ihm denn auch passieren sollen," beruhigten wir uns gleich postwendend. Nun waren wir da, bei der Hütte, aber Mönchi nicht. Keine Spur! Unter der Hütte, vor der Hütte, hinter der Hütte, vor dem Brunnen, hinter dem Brunnen usw. nirgends! Man kann sich leicht vorstellen, wie die folgenden Sätze in unserem Zwiegespräch begonnen hatten:" Wären wir doch..., hätten wir nur.... und hatte nicht ich noch gesagt...". An der Tatsache, dass er nicht zu finden war, änderte dies alles nichts. Entmutigt, frustriert und mit einer Portion Schuldgefühl zündeten wir in unserer Hütte die Petrollampe an. Müde blickten wir unserer Schlafstätte entgegen. Oh Schreck, das Duvet bewegte sich. Das lag doch nicht etwa am getrunkenen Wein. Nein! Blinzelnd kroch nämlich unser Mönchi unter der Bettdecke hervor und schaute uns schon fast vorwurfsvoll an, ihn mitten in der Nacht mit unserem Lärm zu stören. Die Freude war riesig. Und wie es in solchen Momenten üblich ist, blieben die Schuldzuweisungen wegen der nicht genug verschlossenen Hüttentüre vollends aus. Wer der Sündenbock war, der damit unserem Mönchi ermöglichte, selbständig sich in der Hütte gemütlich einzurichten, war uns beiden egal. Hauptsache: Er lebt noch!

Wieder in Klosters nahte der Herbst in grossen Schritten. Aufwendige Versuche unseren Mönchi an das Höhlenleben zu gewöhnen scheiterten. Zwar fand er es sehr amüsant im einen Loch der extra für ihn von einem Freund des Hauses erstellten Bau zu verschwinden, um baldmöglichst beim nächsten Loch  wieder aufzutauchen. Aber da drin bleiben wollte er nicht. Der Entschluss über den weiteren Verbleib von unserem Mungg nahte. Nach verschiedenen Kontakten mit Tierparks entschieden wir uns fürs Dällhölzli in Bern. Der Abschied fiel nicht leicht, aber die Vernunft musste siegen.

Mit grosser Freude und Genugtuung durften wir diesen Frühling in Erfahrung bringen, dass Mönchi den Winter gut überstanden hatte, was bei Murmeltieren wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit ist.

Möge die waschechte Prättigauerin (Mönchi ist nämlich ein Weibchen!!) dort unten in Bern noch möglichst viele glückliche Jahre erleben!